Wolfgang Saus

Chorphonetik - mit (unerwarteten) Vokalen reine Intonation erzeugen

Chorphonetik - mit (unerwarteten) Vokalen reine Intonation erzeugen
(Foto: Claudiu Lazaciuc)
Foto: Claudiu Lazaciuc

Donnerstag, 29. September 2016, 15h00 – 17h00

Chorphonetik ist eine Gehör- und Stimmbildungsmethode, die Sängern die in Vokalen versteckten unbewussten Tonhöheninformationen bewusst und gesangstechnisch verfügbar macht. Chorleiter und Sänger erhalten dadurch die vollständige Kontrolle über Intonation und Homogenität. Die Kontrolle kann sogar so präzise werden, dass Komponisten die Klangfarbe auskomponieren können.

Der Workshop vermittelt die Grundtechnik der tongenauen Kontrolle des zweiten Formanten. In (freiwilligen) Quartetten werden wir die Wirkung der Chorphonetik auf die Homogenität einer Stimmgruppe sowie deren Einfluss auf die Intonation der anderen Stimmen praktisch ausprobieren. Je nach Chorerfahrung der Teilnehmer besteht auch die Möglichkeit, die Effekte verschiedener Vokalfarben in den ersten Takten von Olivier Messiaen’s »O sacrum convivium« in einer konkreten Chorprobensituation zu erfahren.

Der Workshop richtet sich nicht nur an Chorleiter, Profisänger und Komponisten, sondern ausdrücklich auch an Laienchorsänger.

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Wolfgang Saus

Warum jeder Sänger Obertongesang lernen sollte

Sonntag, 02. Oktober, 9h00 – 11h00

Workshop für Sänger und andere professionelle Stimmnutzer

Inzwischen wird jeder Sänger schon mal von Obertongesang gehört haben. Falls nicht:
Obertongesang ist eine junge Gesangstechnik, die Sängern ermöglicht, zwei Töne gleichzeitig zu
singen. Sie basiert auf der präzisen Kontrolle von Resonanzfrequenzen (Formanten), die dafür
sorgt, dass einzelne Teiltöne des Stimmklangs so verstärkt werden, dass sie als getrennte
glasharfenartige Töne wahrgenommen werden und einen mehrstimmigen Klangeindruck erzeugen.
Obertongesang darf nicht mit zentralasiatischem Kehlgesang verwechselt werden. Westlicher
Obertongesang entstand in den 1960er Jahren in der Avantgardemusik und wird mit klassischer
westlicher Singstimme ausgeführt.

Der außergewöhnliche Effekt entsteht durch das Zusammenführen zweier Resonanzfrequenzen zu
einer Doppelresonanz. Um das zu erlernen ist eine exakte Kenntnis der entsprechenden
Vokaltrakteinstellungen nötig.

Gründe, warum alle Sänger Obertonsingen zumindest in Grundzügen beherrschen sollten:
• Mühelosigkeit, Brillianz, Lautstärke und Ausdauer der klassischen Singstimme werden geschult und begründet und gewinnen so an Reproduzierbarkeit, auch bei ungünstigen Rahmenbedingungen (schlechte Raumakustik, körperliche oder seelische Verfassung…).
• Formanten werden nicht nur besser verstanden, sondern begriffen (im mündlichen Sinne des Wortes. Es sind eine Menge diffuser und sogar falscher Formantkonzepte im Umlauf).
• Sänger, die ihre Formanten so genau wie Töne steuern, können damit Probleme ihrer Schüler (wie auch eigene) in wesentlich kürzerer Zeit und zielgerichtet lösen.
• Die tongenaue Formantkontrolle bewirkt eine Aktivierung des sogenannten Obertongehörs, dessen Zentrum in der rechten Gehirnhemisphäre im Heschl’schen Gyrus vermutet wird.
• Das Obertonhören muss erlernt werden. Nur etwa 5-10 Prozent der Sänger können Formant-Obertonwechselwirkungen spontan sicher hören. Das Resultat ermöglicht die Übertragung empathischer Stimmwahrnehmung auf praktikable Bewegungsmuster im Vokaltrakt. Wer das nicht erlebt hat, hat keine Vorstellung von der Tragweite dieser Art des Zugangs zum Stimmklang.
• Obertongehör und Formantkontrolle ermöglichen in Kombination neue Strategien für Intonation und Homogenität im Ensemblegesang (Chorphonetik).
• Das Erlernen der Gesangstechnik erfordert vergleichsweise wenig Zeit und macht Spaß (Suchtfaktor). Es lohnt sich also, ein paar Stunden in diese Nische der Gesangspädagogik zu investieren.

Wolfgang Saus, Musiker, Wissenschaftler, Stimmforscher. Seine Musikwelt war Anfang der 1980er Avantgarde und Experiment. Unentschieden, ob seine Gesangskarriere oder die Wissenschaftlerlaufbahn den Vorrang bekommen sollte, betrieb er zunächst beides, studierte Chemie und bekleidete eine Forschungsleiterstelle. Während dieser Zeit arbeitete er unter anderem mit Musikern wie Gidon Kremer, Georges Prêtre und Helmuth Rilling und sang zeitgenössische Oper am Theater. Seine Faszination für den Obertongesang begann 1983, als er mit dem italienischen Jazz- und Obertonmusiker Roberto Laneri auf der Bühne stand. Eine tiefe Sehnsucht nach Klang, die die Obertöne in ihm weckten, veranlassten Wolfgang Saus 1994 die Chemie aufzugeben, um sich vollständig der Stimme widmen zu können. Er ist Innovationspreisträger der Klüh-Stiftung (1992) und des NiBB (2001), ist Autor des Fachbuchs »Oberton Singen«, und er entwickelt mit Bodo Maass die Klanganalysesoftware »Overtone Analyzer«. Mit Prof. Steffen Schreyer gründete er 2006 den experimentellen Europa Obertonchor EOC. Zurzeit beschäftigen ihn die Weiterentwicklung einer neuen Chor- und Gesangsphonetik sowie die Etablierung von Obertongesang in der klassischen Musik.

www.oberton.org

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